Hochmut kommt vor dem Atomunfall
rhbl
Kaum ist Ypsilantis Strategie, sich unter Tolerierung durch die Linke zur Ministerpräsidentin in Hessen wählen zu lassen, mit einer miesen Intrige durchkreuzt, da tingeln die vier Abweichler durch die Talkshows und werden von der Medienmaschine der Atomplutokraten auch noch als strahlende Vorkämpfer der "Gewissensfreiheit" angepriesen.
Dabei ist jedem Zuschauer klar, dass sich die Gewissensfrage, die derzeit in Hessen zu beantworten ist, vor allem auf ein Problem bezieht. Darf die hessische Landesregierung dem Weiterbetrieb des hochgefährlichen Atomkraftwerks Biblis A durch RWE entgegen den verbindlichen Festlegungen des Atomausstiegsgesetzes gelangweilt zusehen? Oder besteht hier nicht eine Schutzpflicht der Regierung gegenüber den Landeskindern, alles zu tun, um die altersschwache Atomruine abzuschalten, bevor es zu einer Katastrophe kommt (Ausflug in die Todeszone, SZ, 14.11.2008)!
Was passieren könnte, wenn es im AKW Biblis zu einer unkontrollierten Kettenreaktion, zu einem Super-GAU kommt, hat die Katastrophe von Tschernobyl vor mehr als 22 Jahren aller Welt vor Augen geführt. Tschernobyl hat vermutlich um die 100.000 Krebstote verursacht. Die wahren Zahlen werden bis heute vom "Apparat" geheimgehalten.

Foto aus dem Buch "Die Opfer von Tschernobyl nach zehn Jahren,
verstrahlt, vergiftet, vergessen" (Franke, Schreiber, Vinzens, Insel-Verlag)
Die Katastrophe von Tschernobyl war für die damalige Sowjetunion buchstäblich der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen und das morsche Sowjetsystem zum Einsturz gebracht hat. Die wirtschaftlichen Schäden sind wohl in Billionen Dollar zu beziffern.
Angesichts leerer Kassen könnte sich im früher glänzenden Westen bei einem schlecht gewarteten westlichen AKW das Szenario trotz etwas besserer Sicherheitstechnik durchaus wiederholen. Nach dreißigjährigem Betrieb der - was Druck und Hitze angeht - unter wahren Extrembedingungen gefahrenen Reaktorkomponenten hat auch ein AKW westlicher Bauart ausgedient, trotz sporadischem Auswechselns einzelner Bauteile. Es ist dann, bildlich gesprochen, genauso unsicher wie ein dreißig Jahre altes Auto, das mit Höchstgeschwindigkeit über die Autobahn geheizt wird. Wer da bei einem Kolbenfresser den Fuß nicht schnell genug auf die Kupplung haut, hat Pech gehabt. Gerade erst sind in Schweden zwei AKW wegen schwerer Mängel bei den Steuerstäben der Abschaltsysteme gerade noch rechtzeitig außer Betrieb gesetzt worden.
Bei meiner letzten Dienstreise in die Sowjetunion Mitte der neunziger Jahre habe ich auf dem Moskauer Nowodewitschi – Friedhof das Grab Legassows besucht. Der Chemiker und Reaktorbauer Dr. Waleri Legassow, "Don Quijote und Jeanne D`Arc" des sowjetischen Atomkomplexes (Tretjakow), gehörte zur sowjetischen Regierungskommission Schtscherbinas, die am Tag nach der Explosion des Reaktors Nr. 4 nach Tschernobyl geschickt wurde und dort die Maßnahmen zur Eindämmung der Katastrophe steuerte.
Legassow`s selbstaufopfernder Leitung ist die Eindämmung des verheerenden Nuklearbrandes zu verdanken. Der Graphitbrand war die Ursache der mindestens vom 26. April bis zum 10. Mai 1986 in ungeheurem Maß austretenden Radioaktivität, die sich als radioaktive Wolke über ganz Westeuropa ausdehnte und abregnete.
Legassow hat seine Erfahrungen vor seinem Tod in gedrängter Form einem Prawda-Mitarbeiter diktiert, kurz bevor er sich zwei Jahre nach Beginn der Tragödie, am 27. April 1988 das Leben nahm. Die Prawda veröffentlichte Legassows Vermächtnis am 20. Mai 1988.
Nach unzähligen Zwischen- und Störfällen in deutschen Atomkraftwerken und nach dem Debakel mit den radioaktiven Abfällen in der Grube Asse, einem Salzstock, der für die Endlagerung hochradioaktiver Abfälle genauso wenig geeignet ist wie der Salzstock in Gorleben, besteht für die arroganten Kommentare, mit denen die Atommietfedern jetzt den Coup der vier SPD-Abweichler in Hessen abfeiern, gar kein Grund.
Der Widerstand der großen Bevölkerungsmehrheit gegen die Atompolitik der gemieteten Nuklearschranzen in Berlin wird erst richtig Form annehmen, wenn die breite Masse des Volkes begreift, dass sie beim Atomausstieg von der zum Weitermachen verdonnerten "Großen Koalition" hinters Licht geführt werden soll.
Aus gegebenem Anlass drucke ich hier deshalb nochmal den Auszug aus Legassows Vermächtnis ab, der sich mit der „Arroganz der Mächtigen“ an der Spitze des sowjetischen Atomkomplexes und mit den real existierenden Zuständen in den Atomanlagen selbst befasst. Schizophrene Zustände, die auch bei uns in der Weltfinanzkrise, im implodierenden Westen über kurz oder lang in einer Katastrophe enden, wenn unsere alternden „Atomminen“ nicht vorher abgeschaltet werden:
„Nikolai Ryschkow hat in seiner Rede auf der Sitzung am 14. Juli gesagt, daß der Unfall im Tschernobyler Kernkraftwerk kein Zufall war, daß die Atomenergiewirtschaft mit einer bestimmten Zwangsläufigkeit auf dieses leidvolle Ereignis zusteuerte. Damals erschütterten mich diese Worte durch ihre Präzision, obwohl ich selbst nicht in der Lage gewesen wäre, diese Aufgabe so zu formulieren. Ich erinnerte mich zum Beispiel an einen Fall in einem Kernkraftwerk, als an der Hauptrohrleitung die Schweißer, statt eine Schweißnaht richtig anzulegen, eine Schweißelektrode einlegten und eine leichte Schweißnaht darüber zogen. Das hätte einen furchtbaren Unfall ergeben, das Platzen einer großen Rohrleitung, die Zerstörung des WWER-Reaktors mit vollständigem Austritt des Kühlmittels, mit Schmelzen der Aktivzone usw..
Es ist gut, daß das Personal geschult, aufmerksam und genau war, denn die undichte Steile, die der Bedienungsmann entdeckte, kann man auch mit einem Mikroskop nicht sehen. Untersuchungen begannen und es wurde festgestellt, daß das Rohr stümperhaft geschweißt worden war. Man überprüfte die Unterlagen, dort waren alle nötigen Unterschriften vorhanden; der Schweißer bestätigte, daß er eine einwandfreie Naht angelegt hatte, und auch der Werkstoffprüfer, der die Schweißnaht mit seinem Gamma-Defektoskop geprüft hatte, bestätigte, daß sie einwandfrei ist, obwohl es gar keine Schweißnaht gab. Und das alles im Namen der Arbeitsproduktivität - mehr Nähte zu schweißen. Diese Pfuscherei erschütterte unser aller Phantasie. Danach Überprüfte man in vielen Kraftwerken diese Abschnitte, und es war nicht überall alles in Ordnung.
Undichte Stellen in wichtigen Rohrleitungen, schlecht funktionierende Absperrventile, defekte Kanäle an RBMK-Reakloren, das ereignete sich jedes Jahr. Zehn Jahre lange Gespräche über Ausbildung, mindestens fünf Jahre lang Gespräche über die Schaffung eines Diagnosesystems für den Zustand der Ausrüstungen - aber nichts geschah. Man erinnerte sich, daß die Qualifikation der Ingenieure und des übrigen Personals der Kernkraftwerke allmählich sank. Alle, die einmal beim Bau eines Kernkraftwerkes dabei waren, entsetzte die Möglichkeit, was für Stümper auf so entscheidenden Baustellen arbeiten konnten. Das alles war als einzelne Episoden in unseren Köpfen gespeichert. A!s jedoch Nikolai Ryschkow erklärte, die Atomenergiewirtschaft steuerte auf Tschernobyl zu, entstand vor meinen Augen ein Gesamtbild, tauchten vor meinem geistigen Auge die Mitarbeiter meines eigenen Institutes auf, die sich in Bezug auf den Bau von Kernkraftwerken sehr konkret, sehr routinemäßig verhielten.
Auf Grund meiner Charaktereigenschaften begann ich, diese Frage aufmerksamer zu studieren und mancherorts eine aktivere Haltung einzunehmen. Ich sagte, daß die folgende Generation von Kernreaktoren sicherer sein müsse, wie z.B. ein WTGR oder ein Flüssigkeitsreaktor bestimmten Typs. Das rief einen ausgesprochenen Sturm von Entrüstung hervor, man meinte, dies seien vollkommen verschiedene Dinge, ich sei ein Analphabet, kümmere mich um Dinge, die mich nichts angehen, und daß man den einen Reaktortyp mit dem anderen nicht vergleichen könne. So kompliziert war die Lage. Allmählich begann man an alternativen Reaktoren zu arbeiten, allmählich bemühte man sich, die Bestehenden zu verbessern, und was das Traurigste ist, man war nicht in der Lage eine ernste, objektive, wissenschaftliche Analyse der tatsächlichen Sachlage in Angriff zu nehmen, die gesamte Kette der Ereignisse aufzubauen, alle möglichen Unannehmlichkeiten zu analysieren, Mittel zu finden, um sie los zu werden.
Am Vorabend der Ereignisse von Tschernobyl entwickelten sich die Dinge auf diese Art und Weise, wobei die Anzahl der Betriebe, die mit der Herstellung von verschiedenen Ausrüstungsteilen für Kernkraftwerke beauftragt wurden, ständig wuchs. „Atommasch“ wurde gebaut, dort kam viel Jugend hin. Der Aufbau des Werkes war ein schwerer Mißerfolg. Die Qualifikation der Fachleute, die dort ihren Beruf beherrschen lernen sollten, war nicht auf der Höhe. Das war auch in den Kernkraftwerken nicht anders.
Nachdem ich Tschernobyl besucht hatte, zog ich die eindeutige Schlußfolgerung daraus, daß der Unfall von Tschernobyl der Schlußpunkt, der Gipfel all der falschen Wirtschaftsführung war, die in unserem Land viele Jahrzehnte lang durchgeführt worden war. Natürlich hat das, was in Tschernobyl geschah, nicht abstrakte, sondern ganz konkrete Schuldige. Wir wissen heute, daß die Steuerung der Schutzanlage dieses Reaktors fehlerhaft war, und eine Reihe von Wissenschaftlern wußte davon, und sie machten ihre Vorschläge, wie man diesen Fehler beseitigt. Der Konstrukteur, der nicht so bald eine weitere zusätzliche Arbeit erhalten wollte, beeilte sich nicht mit der Änderung der Steuerung der Schutzanlage. Das, was im Kernkraftwerk Tschernobyl im Verlauf mehrerer Jahre vor sich gegangen war; Experimente, deren Programm sehr nachlässig und ungenau erstellt wurde, vor den Experimenten waren die möglichen Situationen nicht durchgespielt worden...
Die Mißachtung des Standpunktes des Konstrukteurs und des wissenschaftlichen Leiters war komplett, in harter Auseinandersetzung mußte man um die richtige Durchführung aller technologischen Betriebsarten kämpfen. Kein Verständnis für den Zustand der Geräte, den Zustand der Ausrüstungen zwischen den planmäßigen Vorsorgewartungen. Ein Direktor eines Kraftwerkes sagte es ganz offen:
„Was beunruhigt Sie? Der Kernreaktor - das ist ein Samowar, das ist viel einfacher als ein thermisches Kraftwerk, wir haben erfahrenes Personal, und nie wird etwas geschehen...“"
Kaum ist Ypsilantis Strategie, sich unter Tolerierung durch die Linke zur Ministerpräsidentin in Hessen wählen zu lassen, mit einer miesen Intrige durchkreuzt, da tingeln die vier Abweichler durch die Talkshows und werden von der Medienmaschine der Atomplutokraten auch noch als strahlende Vorkämpfer der "Gewissensfreiheit" angepriesen.
Dabei ist jedem Zuschauer klar, dass sich die Gewissensfrage, die derzeit in Hessen zu beantworten ist, vor allem auf ein Problem bezieht. Darf die hessische Landesregierung dem Weiterbetrieb des hochgefährlichen Atomkraftwerks Biblis A durch RWE entgegen den verbindlichen Festlegungen des Atomausstiegsgesetzes gelangweilt zusehen? Oder besteht hier nicht eine Schutzpflicht der Regierung gegenüber den Landeskindern, alles zu tun, um die altersschwache Atomruine abzuschalten, bevor es zu einer Katastrophe kommt (Ausflug in die Todeszone, SZ, 14.11.2008)!
Was passieren könnte, wenn es im AKW Biblis zu einer unkontrollierten Kettenreaktion, zu einem Super-GAU kommt, hat die Katastrophe von Tschernobyl vor mehr als 22 Jahren aller Welt vor Augen geführt. Tschernobyl hat vermutlich um die 100.000 Krebstote verursacht. Die wahren Zahlen werden bis heute vom "Apparat" geheimgehalten.

Foto aus dem Buch "Die Opfer von Tschernobyl nach zehn Jahren,
verstrahlt, vergiftet, vergessen" (Franke, Schreiber, Vinzens, Insel-Verlag)
Die Katastrophe von Tschernobyl war für die damalige Sowjetunion buchstäblich der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen und das morsche Sowjetsystem zum Einsturz gebracht hat. Die wirtschaftlichen Schäden sind wohl in Billionen Dollar zu beziffern.
Angesichts leerer Kassen könnte sich im früher glänzenden Westen bei einem schlecht gewarteten westlichen AKW das Szenario trotz etwas besserer Sicherheitstechnik durchaus wiederholen. Nach dreißigjährigem Betrieb der - was Druck und Hitze angeht - unter wahren Extrembedingungen gefahrenen Reaktorkomponenten hat auch ein AKW westlicher Bauart ausgedient, trotz sporadischem Auswechselns einzelner Bauteile. Es ist dann, bildlich gesprochen, genauso unsicher wie ein dreißig Jahre altes Auto, das mit Höchstgeschwindigkeit über die Autobahn geheizt wird. Wer da bei einem Kolbenfresser den Fuß nicht schnell genug auf die Kupplung haut, hat Pech gehabt. Gerade erst sind in Schweden zwei AKW wegen schwerer Mängel bei den Steuerstäben der Abschaltsysteme gerade noch rechtzeitig außer Betrieb gesetzt worden.
Bei meiner letzten Dienstreise in die Sowjetunion Mitte der neunziger Jahre habe ich auf dem Moskauer Nowodewitschi – Friedhof das Grab Legassows besucht. Der Chemiker und Reaktorbauer Dr. Waleri Legassow, "Don Quijote und Jeanne D`Arc" des sowjetischen Atomkomplexes (Tretjakow), gehörte zur sowjetischen Regierungskommission Schtscherbinas, die am Tag nach der Explosion des Reaktors Nr. 4 nach Tschernobyl geschickt wurde und dort die Maßnahmen zur Eindämmung der Katastrophe steuerte.
Legassow`s selbstaufopfernder Leitung ist die Eindämmung des verheerenden Nuklearbrandes zu verdanken. Der Graphitbrand war die Ursache der mindestens vom 26. April bis zum 10. Mai 1986 in ungeheurem Maß austretenden Radioaktivität, die sich als radioaktive Wolke über ganz Westeuropa ausdehnte und abregnete.
Legassow hat seine Erfahrungen vor seinem Tod in gedrängter Form einem Prawda-Mitarbeiter diktiert, kurz bevor er sich zwei Jahre nach Beginn der Tragödie, am 27. April 1988 das Leben nahm. Die Prawda veröffentlichte Legassows Vermächtnis am 20. Mai 1988.
Nach unzähligen Zwischen- und Störfällen in deutschen Atomkraftwerken und nach dem Debakel mit den radioaktiven Abfällen in der Grube Asse, einem Salzstock, der für die Endlagerung hochradioaktiver Abfälle genauso wenig geeignet ist wie der Salzstock in Gorleben, besteht für die arroganten Kommentare, mit denen die Atommietfedern jetzt den Coup der vier SPD-Abweichler in Hessen abfeiern, gar kein Grund.
Der Widerstand der großen Bevölkerungsmehrheit gegen die Atompolitik der gemieteten Nuklearschranzen in Berlin wird erst richtig Form annehmen, wenn die breite Masse des Volkes begreift, dass sie beim Atomausstieg von der zum Weitermachen verdonnerten "Großen Koalition" hinters Licht geführt werden soll.
Aus gegebenem Anlass drucke ich hier deshalb nochmal den Auszug aus Legassows Vermächtnis ab, der sich mit der „Arroganz der Mächtigen“ an der Spitze des sowjetischen Atomkomplexes und mit den real existierenden Zuständen in den Atomanlagen selbst befasst. Schizophrene Zustände, die auch bei uns in der Weltfinanzkrise, im implodierenden Westen über kurz oder lang in einer Katastrophe enden, wenn unsere alternden „Atomminen“ nicht vorher abgeschaltet werden:
„Nikolai Ryschkow hat in seiner Rede auf der Sitzung am 14. Juli gesagt, daß der Unfall im Tschernobyler Kernkraftwerk kein Zufall war, daß die Atomenergiewirtschaft mit einer bestimmten Zwangsläufigkeit auf dieses leidvolle Ereignis zusteuerte. Damals erschütterten mich diese Worte durch ihre Präzision, obwohl ich selbst nicht in der Lage gewesen wäre, diese Aufgabe so zu formulieren. Ich erinnerte mich zum Beispiel an einen Fall in einem Kernkraftwerk, als an der Hauptrohrleitung die Schweißer, statt eine Schweißnaht richtig anzulegen, eine Schweißelektrode einlegten und eine leichte Schweißnaht darüber zogen. Das hätte einen furchtbaren Unfall ergeben, das Platzen einer großen Rohrleitung, die Zerstörung des WWER-Reaktors mit vollständigem Austritt des Kühlmittels, mit Schmelzen der Aktivzone usw..
Es ist gut, daß das Personal geschult, aufmerksam und genau war, denn die undichte Steile, die der Bedienungsmann entdeckte, kann man auch mit einem Mikroskop nicht sehen. Untersuchungen begannen und es wurde festgestellt, daß das Rohr stümperhaft geschweißt worden war. Man überprüfte die Unterlagen, dort waren alle nötigen Unterschriften vorhanden; der Schweißer bestätigte, daß er eine einwandfreie Naht angelegt hatte, und auch der Werkstoffprüfer, der die Schweißnaht mit seinem Gamma-Defektoskop geprüft hatte, bestätigte, daß sie einwandfrei ist, obwohl es gar keine Schweißnaht gab. Und das alles im Namen der Arbeitsproduktivität - mehr Nähte zu schweißen. Diese Pfuscherei erschütterte unser aller Phantasie. Danach Überprüfte man in vielen Kraftwerken diese Abschnitte, und es war nicht überall alles in Ordnung.
Undichte Stellen in wichtigen Rohrleitungen, schlecht funktionierende Absperrventile, defekte Kanäle an RBMK-Reakloren, das ereignete sich jedes Jahr. Zehn Jahre lange Gespräche über Ausbildung, mindestens fünf Jahre lang Gespräche über die Schaffung eines Diagnosesystems für den Zustand der Ausrüstungen - aber nichts geschah. Man erinnerte sich, daß die Qualifikation der Ingenieure und des übrigen Personals der Kernkraftwerke allmählich sank. Alle, die einmal beim Bau eines Kernkraftwerkes dabei waren, entsetzte die Möglichkeit, was für Stümper auf so entscheidenden Baustellen arbeiten konnten. Das alles war als einzelne Episoden in unseren Köpfen gespeichert. A!s jedoch Nikolai Ryschkow erklärte, die Atomenergiewirtschaft steuerte auf Tschernobyl zu, entstand vor meinen Augen ein Gesamtbild, tauchten vor meinem geistigen Auge die Mitarbeiter meines eigenen Institutes auf, die sich in Bezug auf den Bau von Kernkraftwerken sehr konkret, sehr routinemäßig verhielten.
Auf Grund meiner Charaktereigenschaften begann ich, diese Frage aufmerksamer zu studieren und mancherorts eine aktivere Haltung einzunehmen. Ich sagte, daß die folgende Generation von Kernreaktoren sicherer sein müsse, wie z.B. ein WTGR oder ein Flüssigkeitsreaktor bestimmten Typs. Das rief einen ausgesprochenen Sturm von Entrüstung hervor, man meinte, dies seien vollkommen verschiedene Dinge, ich sei ein Analphabet, kümmere mich um Dinge, die mich nichts angehen, und daß man den einen Reaktortyp mit dem anderen nicht vergleichen könne. So kompliziert war die Lage. Allmählich begann man an alternativen Reaktoren zu arbeiten, allmählich bemühte man sich, die Bestehenden zu verbessern, und was das Traurigste ist, man war nicht in der Lage eine ernste, objektive, wissenschaftliche Analyse der tatsächlichen Sachlage in Angriff zu nehmen, die gesamte Kette der Ereignisse aufzubauen, alle möglichen Unannehmlichkeiten zu analysieren, Mittel zu finden, um sie los zu werden.
Am Vorabend der Ereignisse von Tschernobyl entwickelten sich die Dinge auf diese Art und Weise, wobei die Anzahl der Betriebe, die mit der Herstellung von verschiedenen Ausrüstungsteilen für Kernkraftwerke beauftragt wurden, ständig wuchs. „Atommasch“ wurde gebaut, dort kam viel Jugend hin. Der Aufbau des Werkes war ein schwerer Mißerfolg. Die Qualifikation der Fachleute, die dort ihren Beruf beherrschen lernen sollten, war nicht auf der Höhe. Das war auch in den Kernkraftwerken nicht anders.
Nachdem ich Tschernobyl besucht hatte, zog ich die eindeutige Schlußfolgerung daraus, daß der Unfall von Tschernobyl der Schlußpunkt, der Gipfel all der falschen Wirtschaftsführung war, die in unserem Land viele Jahrzehnte lang durchgeführt worden war. Natürlich hat das, was in Tschernobyl geschah, nicht abstrakte, sondern ganz konkrete Schuldige. Wir wissen heute, daß die Steuerung der Schutzanlage dieses Reaktors fehlerhaft war, und eine Reihe von Wissenschaftlern wußte davon, und sie machten ihre Vorschläge, wie man diesen Fehler beseitigt. Der Konstrukteur, der nicht so bald eine weitere zusätzliche Arbeit erhalten wollte, beeilte sich nicht mit der Änderung der Steuerung der Schutzanlage. Das, was im Kernkraftwerk Tschernobyl im Verlauf mehrerer Jahre vor sich gegangen war; Experimente, deren Programm sehr nachlässig und ungenau erstellt wurde, vor den Experimenten waren die möglichen Situationen nicht durchgespielt worden...
Die Mißachtung des Standpunktes des Konstrukteurs und des wissenschaftlichen Leiters war komplett, in harter Auseinandersetzung mußte man um die richtige Durchführung aller technologischen Betriebsarten kämpfen. Kein Verständnis für den Zustand der Geräte, den Zustand der Ausrüstungen zwischen den planmäßigen Vorsorgewartungen. Ein Direktor eines Kraftwerkes sagte es ganz offen:
„Was beunruhigt Sie? Der Kernreaktor - das ist ein Samowar, das ist viel einfacher als ein thermisches Kraftwerk, wir haben erfahrenes Personal, und nie wird etwas geschehen...“"
rhbl - 12. Nov, 18:23
