AKW Krsko: „Spaßalarm“ bei „Atom-Zwischenfall“, eine Info-Katastrophe der EU-Ratspräsidentschaft
rhbl
Am Tag nach dem alarmierenden Durcheinander ist der Atom-Club wieder voll in der Verharmlosungs-Rille, alles ist nur halb so schlimm. "Kein ernster Vorfall" meldet die manchmal übertrieben pronukleare Süddeutsche. "Menschliches Versehen" zitiert der SPIEGEL. Die atomfreundliche NZZ verschweigt sogar das Desaster mit den "Übungsmeldeformularen". Es gab angeblich keinen "radioaktiven Austritt“. Angeblich nur 2,5 Kubikmeter radioaktiv kontaminiertes Kühlwasser haben den Primärkreislauf vorschriftswidrig verlassen. Wo sind sie hin? Was ist die Ursache der Havarie?
Wo sind die Messergebnisse des (hoffentlich vorhandenen) slowenischen Kernreaktorfernüberwachungssystems? Die Deutschland-Karte des BfS mit den aktuellen Werten der Gamma-Ortsdosisleistung aus unserem eigenen Integrierten Meß- und Informationssystem (IMIS) sollte man sich in den nächsten Tagen je nach Großwetterlage hin und wieder mal anschauen. Vielleicht kommt noch was.
Gestern Abend sah es laut dpa noch ganz anders aus. Eine Tartarenmeldung jagte im Whirlpool der EU-Medien-Dummies die nächste. Das Nachrichten-Chaos belegt, dass mehr als zwanzig Jahre nach Tschernobyl die für „Nukleares“ zuständigen journalistischen Sachbearbeiter selbst bei dpa keine Ahnung von der Materie haben. Sie kennen die wichtigsten nationalen (AtSMV) , europaweiten (ECURIE) und internationalen (INES) Melderegeln nicht.
Neben dem Gros der Journaille sind auch die meisten politisch Verantwortlichen unfähig, das atomare Geschehen zu bewerten, es halbwegs richtig einzuordnen und nach den diversen, parallel gültigen und sich unschön überschneidenden Regelwerken (s.o.) zu klassifizieren. Die Materie ist einfach zu kompliziert und alle Versuche, die Komplexität der Systeme zu reduzieren, sie wenigstens innerhalb der EU zu harmonisieren, um außenstehenden Politikern, Journalisten oder dem Souverän, den Bürgern, die Sache mit der Atomkernindustrie verständlich zu machen oder wenigstens Einblicksmöglichkeiten zu verschaffen, sind seit zig Jahren gescheitert.
Die globale Atom-Mafia schottet sich perfekt ab, sorgt mit allen Tricks der Welt dafür, dass sie unter sich bleibt. Wer z.B. gestern abend versucht hat, auf die interessanteren Websites des Brüsseler Energiekommissars, der IAEA oder nur des AKW Krsko zu kommen, stand überall vor verschlossenen Türen. Ohne Passwort und Kennung kein Zugang zu relevanten Informationen. Nirgendwo gab es gestern abend im Internet bei den zuständigen Stellen der EU oder des AKW-Betreibers aktuelle und belastbare Informationen zum Störfall in Krsko. Kroatien, Anteilseigner und das dem AKW am nächsten gelegene Ausland (Distanz der Hauptstadt zum AKW: 50 km) wurde per Fax als letzter Nachbar über die Übung informiert. Selbst in Kärnten wäre bei ungünstiger Wetterlage die Radioaktivität früher eingetroffen als die Warnmeldung.
Das ist die angebliche Transparenz, von der das AKW Krsko auf seiner neugestalteten Homepage kündet. Kernenergieinformation, das ist zuallererst Propaganda, das sind vor allem Verharmlosungen des Risikos, schriftliche Lügen und falsche mündliche Versprechungen.
Greenpeace musste spontan bei der Bewertung wieder mal aushelfen. Wo war eigentlich die Strahlenschutzkommission in der Stunde der Not? Wo blieben in den Wetternachrichten des TV die Trajektorien, die die Windrichtungen und die daraus errechnete Spur und Geschwindigkeit der radioaktiven Wolke auf der europäischen Landkarte vorhersagen und anzeigen sollen? Von der Ahnungslosigkeit, schreienden Uninformiertheit und bodenlosen Dummheit mancher Quoten-ModeratorInnen in ARD und ZDF, bei den Rundfunksendern oder bei diversen JournalistInnen der regionalen und überregionalen Zeitungen schweigt des Sängers Höflichkeit.
Ein „Europaweiter Atomalarm“ sei nach dem extra für die Berichterstattung über radiologische Notfallsituationen geschaffenen Meldesystem ECURIE von der EU-Kommission ausgelöst worden, berichtete dpa. Von einem Atom-U n f a l l im AKW-Krsko in Slovenien fantasierten in den frühen Abendstunden prompt (laut Google) 127 Zeitungen, kleine wie große, seriöse wie unseriöse und schufen stundenlang Panik bei der Bevölkerung. Es dauerte bis zu den Tagesthemen, bis sich das drohende Inferno in Wohlgefallen aufgelöst hatte.
Für den Informationswirrwarr sorgte zu einem gewissen Teil die unkorrekte deutsche Übersetzung des englischen/französischen Worts "urgent" in der Bezeichnung des ECURIE-Meldesystems. Das heißt "dringend", es geht aus Sicht der Engländer und Franzosen um alle Ereignisse in AKW, die dringend gemeldet werden müssen. Deutsche verbinden mit einer radiologischen Notfallsituation im Prinzip nur "Störfälle" und "Unfälle" nach dem INES-System (s.o.). Jeder unbedarfte Journalist, der gestern erfuhr, dass das Ereignis vom EU-Meldesystem für radiologische Notfallsituationen reportiert worden war, musste automatisch an einen Störfall oder Unfall glauben und transportierte, schon wegen der höheren Quote, den vermeintlichen Atom-Unfall. Das Informationsmissmanagement zu Krsko war ein schwerer Schlag für die Glaubwürdigkeit aller Beteiligten.
Keine Gefahr für uns, sagte der Umweltminister in den Tagesthemen noch leicht verklausuliert (bei der fantastischen Zuverlässigkeit der AKW-Betreiber kann man ja nie wissen, was wirklich Sache ist) und verwies darauf, dass das AKW Krsko inzwischen abgeschaltet worden sei und noch ein paar Tage nachgekühlt werden müsse. Dabei klingelte sein Handy während des Interviews ununterbrochen mit einem sanft melodischen Weckruf. Das Abschalten gelang dem Minister wie dem Schichtführer in Krsko erst im dritten Versuch, Stress macht selbst Dicke fahrig.
Heute morgen kommt die glückliche Nachricht aus Slowenien. Entwarnung! Das Wetter spielt auch mit. Vor Ort ist es fast windstill. Falls Radioaktivität entgegen allen Behauptungen doch aus dem AKW ausgetreten sein sollte, würde es Tage dauern, bis sie bei uns ist. Hoffen wir, dass die Radioaktivität im AKW Krsko bleibt. Der AKW-Hersteller Westinghouse war wohl doch nicht so schlecht wie sein Ruf. Die Notkühlsysteme funktionieren offenbar. Aufatmen! Jetzt können alle Macher der Atomszene wieder auftauchen.
Aufatmen? Davon kann keine Rede sein. Die Überprüfung der bisher aufgetretenen schweren Unfälle hat generell eine zu hohe Komplexität der Atomkraftwerke, zu viele bauliche Mängel und einen zu niedrigen Ausbildungsstand des Kraftwerkspersonals enthüllt.
Was zeigt, dass die Betriebssicherheit von Kernkraftanlagen immer noch weit unter den Mindestanforderungen liegt. Die hochriskanten Atomanlagen müssen schleunigst abgeschaltet und Zug um Zug durch alternative, erneuerbare Energiequellen (Wind-, Wasser-, Solarenergie, Biomasse, Geothermie) ersetzt werden.
Die Kernenergieindustrie hat aus den Katastrophen von Three Mile Island und Tschernobyl nichts dazugelernt. Aus leichten Zwischenfällen wie dem in Krsko können blitzschnell schwere Unfälle werden. Wenn es denn nur ein "leichter" Zwischenfall war, einen Kühlmittelverlust im Primärkreislauf (siehe NEK Operationsschema) kann man nicht auf die leichte Schulter nehmen. Nicht umsonst sind die beweglichen Punkte in der oa. NEK-Graphik, die die Fließrichtung des Wassers im Primärkreislauf markieren, r o t. Das Wasser ist 325 Grad heiß, radioaktiv kontaminiert und steht unter höchstem Druck. Wird ein falscher Bedienungsknopf im Notfall gedrückt, verduftet das Kühlmittel, die Kernschmelze tritt ein und alles ist vorbei.
Die Beamten in den Meldesystemen, an den Meldewegen und in den Lagezentren, die zur Warnung der Bevölkerung und zur Einleitung von Rettungsmaßnahmen berufen sind, sind schlecht ausgebildet, ungeübt, nicht routiniert, dämmern auch zwanzig Jahre nach Tschernobyl in einem märchenhaften Dornröschenschlaf dahin.
Der Wirrwarr in der Terminologie, schädliche Redundanzen und Doppelmeldungen belasten und verstopfen die Meldewege, verschlimmern in den entscheidenden ersten Stunden die Verwirrung sogar bei beteiligten Fachleuten, führen im schlimmsten Fall zu Panik bei der Bevölkerung.
Im Ernstfall kann der Notstand, wie in Krsko "versehentlich" geschehen, dem Nachbarland auf einem „Meldeformular für Ü b u n g e n“ gemeldet werden. Da sträuben sich dem Fachmann alle Haare.
Die Betreiber-Mannschaft in Krsko besteht aus alten Hasen. Die auf erdbebengefährdetem Gebiet errichtete Atomanlage wurde schon 1981 in Betrieb genommen. Die geschockten Jungs haben vermutlich gestern nicht gewusst, wie sich bei dem Kühlmittelverlust die Lage im Reaktor entwickeln wird. Die Situation war ernst und konnte in einer Katastrophe enden.
Andererseits wäre der Krsko-Schichtführer von der Firma gefeuert worden, hätte er das Ereignis zu hoch eingestuft, hätte er bei der Klassifizierung des Ereignisses übertrieben.
Gar nichts tun konnte man auch nicht, denn Slowenien hat zur Zeit die EU-Ratspräsidentschaft inne, muss sich sechs Monate vorbildlich verhalten.
In dieser Situation entschied sich das Management in Krsko vermutlich für das doppelte Spiel mit dem "versehentlich" gezogenen "Übungsformular". Damit waren die Nachbarländer und Brüssel intern irgendwie vorgewarnt, falls der Reaktor gegen alle Erwartungen und Hoffnungen (die Atomindustrie ist stets unerschütterlich optimistisch) tatsächlich aus dem Ruder lief.
Falls die Kühlung gesichert und der Reaktor halbwegs geordnet heruntergefahren werden konnte, war es immer noch möglich, das Ereignis auf die übliche saloppe Art herunterzuspielen, zu vertuschen und gegenüber der Öffentlichkeit notfalls auf den „Übungscharakter“ der Sache abzustellen.
In Krsko hat wohl niemand damit gerechnet, dass jemand in Brüssel oder Wien die Sache öffentlich machen würde. Das war ja in tausend Fällen vorher auch nicht passiert. Dass ein "Übungsformular" versehentlich ins Spiel gekommen sein soll, ist so wahrscheinlich wie ein Supergau. Auf diesen Formularen prangt oben und unten fett dreimal die dicke englische Warnaufschrift für Übungsmeldungen: "Exercise, Exercise, Exercise!"
Die k a n n keiner übersehen, noch nicht mal bekifft oder im Vollrausch.
In Brüssel herrschte aber gestern eine g e s o n d e r t e Notstandslage. Streikende Fischer aus Frankreich, robuste, zu allem entschlossene Einzelkämpfer, schossen mit Leuchtspurmunition die Fenster der Verwaltungsgebäude der EU ein. Fischer: Nomen est omen. Es ging um die steigenden Dieselpreise, um die Existenz der Fischer. Im EU-Viertel tobte eine Art Bürgerkrieg, wie ich ihn in den heißesten Zeiten am Berlaymont nicht erlebt habe. Krsko eskalierte parallel. Zwei Krisen auf einmal. Das war zuviel für die schlichten EU-Beamten. Da hat einer der EU-Zuständigen die Nerven verloren und die Krsko-Sache an die Medien weitergegeben.
Am Tag nach dem alarmierenden Durcheinander ist der Atom-Club wieder voll in der Verharmlosungs-Rille, alles ist nur halb so schlimm. "Kein ernster Vorfall" meldet die manchmal übertrieben pronukleare Süddeutsche. "Menschliches Versehen" zitiert der SPIEGEL. Die atomfreundliche NZZ verschweigt sogar das Desaster mit den "Übungsmeldeformularen". Es gab angeblich keinen "radioaktiven Austritt“. Angeblich nur 2,5 Kubikmeter radioaktiv kontaminiertes Kühlwasser haben den Primärkreislauf vorschriftswidrig verlassen. Wo sind sie hin? Was ist die Ursache der Havarie?
Wo sind die Messergebnisse des (hoffentlich vorhandenen) slowenischen Kernreaktorfernüberwachungssystems? Die Deutschland-Karte des BfS mit den aktuellen Werten der Gamma-Ortsdosisleistung aus unserem eigenen Integrierten Meß- und Informationssystem (IMIS) sollte man sich in den nächsten Tagen je nach Großwetterlage hin und wieder mal anschauen. Vielleicht kommt noch was.
Gestern Abend sah es laut dpa noch ganz anders aus. Eine Tartarenmeldung jagte im Whirlpool der EU-Medien-Dummies die nächste. Das Nachrichten-Chaos belegt, dass mehr als zwanzig Jahre nach Tschernobyl die für „Nukleares“ zuständigen journalistischen Sachbearbeiter selbst bei dpa keine Ahnung von der Materie haben. Sie kennen die wichtigsten nationalen (AtSMV) , europaweiten (ECURIE) und internationalen (INES) Melderegeln nicht.
Neben dem Gros der Journaille sind auch die meisten politisch Verantwortlichen unfähig, das atomare Geschehen zu bewerten, es halbwegs richtig einzuordnen und nach den diversen, parallel gültigen und sich unschön überschneidenden Regelwerken (s.o.) zu klassifizieren. Die Materie ist einfach zu kompliziert und alle Versuche, die Komplexität der Systeme zu reduzieren, sie wenigstens innerhalb der EU zu harmonisieren, um außenstehenden Politikern, Journalisten oder dem Souverän, den Bürgern, die Sache mit der Atomkernindustrie verständlich zu machen oder wenigstens Einblicksmöglichkeiten zu verschaffen, sind seit zig Jahren gescheitert.
Die globale Atom-Mafia schottet sich perfekt ab, sorgt mit allen Tricks der Welt dafür, dass sie unter sich bleibt. Wer z.B. gestern abend versucht hat, auf die interessanteren Websites des Brüsseler Energiekommissars, der IAEA oder nur des AKW Krsko zu kommen, stand überall vor verschlossenen Türen. Ohne Passwort und Kennung kein Zugang zu relevanten Informationen. Nirgendwo gab es gestern abend im Internet bei den zuständigen Stellen der EU oder des AKW-Betreibers aktuelle und belastbare Informationen zum Störfall in Krsko. Kroatien, Anteilseigner und das dem AKW am nächsten gelegene Ausland (Distanz der Hauptstadt zum AKW: 50 km) wurde per Fax als letzter Nachbar über die Übung informiert. Selbst in Kärnten wäre bei ungünstiger Wetterlage die Radioaktivität früher eingetroffen als die Warnmeldung.
Das ist die angebliche Transparenz, von der das AKW Krsko auf seiner neugestalteten Homepage kündet. Kernenergieinformation, das ist zuallererst Propaganda, das sind vor allem Verharmlosungen des Risikos, schriftliche Lügen und falsche mündliche Versprechungen.
Greenpeace musste spontan bei der Bewertung wieder mal aushelfen. Wo war eigentlich die Strahlenschutzkommission in der Stunde der Not? Wo blieben in den Wetternachrichten des TV die Trajektorien, die die Windrichtungen und die daraus errechnete Spur und Geschwindigkeit der radioaktiven Wolke auf der europäischen Landkarte vorhersagen und anzeigen sollen? Von der Ahnungslosigkeit, schreienden Uninformiertheit und bodenlosen Dummheit mancher Quoten-ModeratorInnen in ARD und ZDF, bei den Rundfunksendern oder bei diversen JournalistInnen der regionalen und überregionalen Zeitungen schweigt des Sängers Höflichkeit.
Ein „Europaweiter Atomalarm“ sei nach dem extra für die Berichterstattung über radiologische Notfallsituationen geschaffenen Meldesystem ECURIE von der EU-Kommission ausgelöst worden, berichtete dpa. Von einem Atom-U n f a l l im AKW-Krsko in Slovenien fantasierten in den frühen Abendstunden prompt (laut Google) 127 Zeitungen, kleine wie große, seriöse wie unseriöse und schufen stundenlang Panik bei der Bevölkerung. Es dauerte bis zu den Tagesthemen, bis sich das drohende Inferno in Wohlgefallen aufgelöst hatte.
Für den Informationswirrwarr sorgte zu einem gewissen Teil die unkorrekte deutsche Übersetzung des englischen/französischen Worts "urgent" in der Bezeichnung des ECURIE-Meldesystems. Das heißt "dringend", es geht aus Sicht der Engländer und Franzosen um alle Ereignisse in AKW, die dringend gemeldet werden müssen. Deutsche verbinden mit einer radiologischen Notfallsituation im Prinzip nur "Störfälle" und "Unfälle" nach dem INES-System (s.o.). Jeder unbedarfte Journalist, der gestern erfuhr, dass das Ereignis vom EU-Meldesystem für radiologische Notfallsituationen reportiert worden war, musste automatisch an einen Störfall oder Unfall glauben und transportierte, schon wegen der höheren Quote, den vermeintlichen Atom-Unfall. Das Informationsmissmanagement zu Krsko war ein schwerer Schlag für die Glaubwürdigkeit aller Beteiligten.
Keine Gefahr für uns, sagte der Umweltminister in den Tagesthemen noch leicht verklausuliert (bei der fantastischen Zuverlässigkeit der AKW-Betreiber kann man ja nie wissen, was wirklich Sache ist) und verwies darauf, dass das AKW Krsko inzwischen abgeschaltet worden sei und noch ein paar Tage nachgekühlt werden müsse. Dabei klingelte sein Handy während des Interviews ununterbrochen mit einem sanft melodischen Weckruf. Das Abschalten gelang dem Minister wie dem Schichtführer in Krsko erst im dritten Versuch, Stress macht selbst Dicke fahrig.
Heute morgen kommt die glückliche Nachricht aus Slowenien. Entwarnung! Das Wetter spielt auch mit. Vor Ort ist es fast windstill. Falls Radioaktivität entgegen allen Behauptungen doch aus dem AKW ausgetreten sein sollte, würde es Tage dauern, bis sie bei uns ist. Hoffen wir, dass die Radioaktivität im AKW Krsko bleibt. Der AKW-Hersteller Westinghouse war wohl doch nicht so schlecht wie sein Ruf. Die Notkühlsysteme funktionieren offenbar. Aufatmen! Jetzt können alle Macher der Atomszene wieder auftauchen.
Aufatmen? Davon kann keine Rede sein. Die Überprüfung der bisher aufgetretenen schweren Unfälle hat generell eine zu hohe Komplexität der Atomkraftwerke, zu viele bauliche Mängel und einen zu niedrigen Ausbildungsstand des Kraftwerkspersonals enthüllt.
Was zeigt, dass die Betriebssicherheit von Kernkraftanlagen immer noch weit unter den Mindestanforderungen liegt. Die hochriskanten Atomanlagen müssen schleunigst abgeschaltet und Zug um Zug durch alternative, erneuerbare Energiequellen (Wind-, Wasser-, Solarenergie, Biomasse, Geothermie) ersetzt werden.
Die Kernenergieindustrie hat aus den Katastrophen von Three Mile Island und Tschernobyl nichts dazugelernt. Aus leichten Zwischenfällen wie dem in Krsko können blitzschnell schwere Unfälle werden. Wenn es denn nur ein "leichter" Zwischenfall war, einen Kühlmittelverlust im Primärkreislauf (siehe NEK Operationsschema) kann man nicht auf die leichte Schulter nehmen. Nicht umsonst sind die beweglichen Punkte in der oa. NEK-Graphik, die die Fließrichtung des Wassers im Primärkreislauf markieren, r o t. Das Wasser ist 325 Grad heiß, radioaktiv kontaminiert und steht unter höchstem Druck. Wird ein falscher Bedienungsknopf im Notfall gedrückt, verduftet das Kühlmittel, die Kernschmelze tritt ein und alles ist vorbei.
Die Beamten in den Meldesystemen, an den Meldewegen und in den Lagezentren, die zur Warnung der Bevölkerung und zur Einleitung von Rettungsmaßnahmen berufen sind, sind schlecht ausgebildet, ungeübt, nicht routiniert, dämmern auch zwanzig Jahre nach Tschernobyl in einem märchenhaften Dornröschenschlaf dahin.
Der Wirrwarr in der Terminologie, schädliche Redundanzen und Doppelmeldungen belasten und verstopfen die Meldewege, verschlimmern in den entscheidenden ersten Stunden die Verwirrung sogar bei beteiligten Fachleuten, führen im schlimmsten Fall zu Panik bei der Bevölkerung.
Im Ernstfall kann der Notstand, wie in Krsko "versehentlich" geschehen, dem Nachbarland auf einem „Meldeformular für Ü b u n g e n“ gemeldet werden. Da sträuben sich dem Fachmann alle Haare.
Die Betreiber-Mannschaft in Krsko besteht aus alten Hasen. Die auf erdbebengefährdetem Gebiet errichtete Atomanlage wurde schon 1981 in Betrieb genommen. Die geschockten Jungs haben vermutlich gestern nicht gewusst, wie sich bei dem Kühlmittelverlust die Lage im Reaktor entwickeln wird. Die Situation war ernst und konnte in einer Katastrophe enden.
Andererseits wäre der Krsko-Schichtführer von der Firma gefeuert worden, hätte er das Ereignis zu hoch eingestuft, hätte er bei der Klassifizierung des Ereignisses übertrieben.
Gar nichts tun konnte man auch nicht, denn Slowenien hat zur Zeit die EU-Ratspräsidentschaft inne, muss sich sechs Monate vorbildlich verhalten.
In dieser Situation entschied sich das Management in Krsko vermutlich für das doppelte Spiel mit dem "versehentlich" gezogenen "Übungsformular". Damit waren die Nachbarländer und Brüssel intern irgendwie vorgewarnt, falls der Reaktor gegen alle Erwartungen und Hoffnungen (die Atomindustrie ist stets unerschütterlich optimistisch) tatsächlich aus dem Ruder lief.
Falls die Kühlung gesichert und der Reaktor halbwegs geordnet heruntergefahren werden konnte, war es immer noch möglich, das Ereignis auf die übliche saloppe Art herunterzuspielen, zu vertuschen und gegenüber der Öffentlichkeit notfalls auf den „Übungscharakter“ der Sache abzustellen.
In Krsko hat wohl niemand damit gerechnet, dass jemand in Brüssel oder Wien die Sache öffentlich machen würde. Das war ja in tausend Fällen vorher auch nicht passiert. Dass ein "Übungsformular" versehentlich ins Spiel gekommen sein soll, ist so wahrscheinlich wie ein Supergau. Auf diesen Formularen prangt oben und unten fett dreimal die dicke englische Warnaufschrift für Übungsmeldungen: "Exercise, Exercise, Exercise!"
Die k a n n keiner übersehen, noch nicht mal bekifft oder im Vollrausch.
In Brüssel herrschte aber gestern eine g e s o n d e r t e Notstandslage. Streikende Fischer aus Frankreich, robuste, zu allem entschlossene Einzelkämpfer, schossen mit Leuchtspurmunition die Fenster der Verwaltungsgebäude der EU ein. Fischer: Nomen est omen. Es ging um die steigenden Dieselpreise, um die Existenz der Fischer. Im EU-Viertel tobte eine Art Bürgerkrieg, wie ich ihn in den heißesten Zeiten am Berlaymont nicht erlebt habe. Krsko eskalierte parallel. Zwei Krisen auf einmal. Das war zuviel für die schlichten EU-Beamten. Da hat einer der EU-Zuständigen die Nerven verloren und die Krsko-Sache an die Medien weitergegeben.
rhbl - 5. Jun, 11:58

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