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Donnerstag, 16. Oktober 2008

Seid verschlungen Billionen, Inflation der ganzen Welt

rhbl

Schillers Ode an die Freude werden die Regierungschefs der EU gestern in Brüssel in leicht verfremdeter Form gesungen haben, als sie dem 1,4 Billionen Euro schweren "Banker-Rettungspaket" ihren Segen gaben (FTD: EU öffnet alle Geld-Schleusen).

Die Gebildeten unter den Schiller- oder Beethoven-Verächtern wissen, dass etwas weiter hinten im Text folgende Strophe kommt:

Festen Mut in schwerem Leiden,
Hülfe, wo die Unschuld weint,
Ewigkeit geschwornen Eiden,
Wahrheit gegen Freund und Feind,
Männerstolz vor Königstronen
Brüder, gält es Gut und Blut, -
Dem Verdienste seine Kronen,
Untergang der Lügenbrut
!“

Wer da wohl jeweils gemeint ist, kann sich jeder selbst ausmalen. Deswegen ist die „Eurohymmne“ (Falco-Version) so vielseitig verwendbar.

Frau Merkel und Herr Steinbrück mussten zuvor im Bundestag eine Menge Kritik für ihre grottenschlechte Idee einstecken, eine Menge guten Geldes einer Menge schlechtem Geldes hinterherzuwerfen. Wie Wolfgang Münchau in der Financial Times Deutschland richtig bemerkt, „hat das mit heißer Nadel gestrickte Rettungspaket der Bundesregierung und anderer europäischer Regierungen zwar am Montag die Märkte begeistert, das Problem aber nicht gelöst.“ Das sieht man auch daran, dass die Laufbänder bei Bloomberg-TV seit Mittwoch wieder in dunklem Rot erstrahlen. Ernüchterung ist eingekehrt und sollte schleunigst auch in den Deutschen Bundestag noch einziehen.

Die Katastrophe ist nicht mehr aufzuhalten, auch wenn Oskar Lafontaine von der Linken den Finger in die Wunde gelegt hat. Die Krankheit des Systems ist schon zu weit fortgeschritten. Selbst eine Europäische Wirtschaftsregierung könnte die Pest der über die ganze Welt verstreuten US-amerikanischen Schrottpapiere nicht mehr eindämmen. Faktische Staatsbankrotte wie in Island und Aufstände, zunächst an der Peripherie des Systems, aber auch in brachliegenden Industrielandschaften mit hoher Arbeitslosigkeit wie Detroit / USA sind nicht mehr auszuschließen:


weber

Weberaufstand, Radierung von Käthe Kollwitz, 1897
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Dass es ein Markt- und ein Staatsversagen gleichzeitig gegeben hat, ist die logische Folge davon, dass sich in den Teppichetagen der Finanzindustrie und der westlichen Staaten, besonders in Deutschland, eine derart verschworene Lügenbrut eingenistet hat, dass mit wohlmeinenden fachlichen Ratschlägen im Parlament überhaupt nichts zu machen ist. Der Tagesspiegel spricht verharmlosend von Spitzbuben, auf die der Zorn jetzt niedergeht. Tatsächlich ist mit großer krimineller Energie über Jahrzehnte flächendeckend ein verbrecherisches Abzocksystem von kriminellen Betrügern aufgebaut worden, die wie manche meinen, nur deshalb in unserem Land nicht strafrechtlich verfolgt werden, weil sie es geschafft haben, ihre Kumpanen vorsorglich bei der Polizei, den Staatsanwaltschaften und in den Justizministerien unterzubringen. Natürlich sind die entsprechenden Schlüsselpositionen in den anderen Ministerien ebenfalls von kontaminiertem Personal besetzt.

Wie konnte es sonst zu den skandalösen Vorgängen kommen, dass Lobbymitarbeiter der Banken-, Kredit- und Versicherungsverbände in den Räumen des Finanz- und Wirtschaftsministeriums in Berlin angeblich sogar eigene Schreibtische hatten, dass sie maßgeblich an den fragwürdigen Gesetzentwürfen zur „Finanzmarktförderung“, „Investitionsmodernisierung“ etc. mitarbeiten durften? Letzter Beweis für den wie beim Doping-Radsport oder dem Opium-Anbau in Afghanistan flächendeckenden Filz ist, dass die naive Kanzlerin ausgerechnet Herrn Tietmeyer von der HRE-Bank als Chef ihrer Beratergruppe auswählen wollte. Zustände wie im alten Rom!

Unter den gegebenen, miserablen personellen Verhältnissen im Finanzsektor, wo selbst das "Humankapital" überwiegend Schrott ist, ist auch die ehrenwerte Forderung von Herrn Kuhn (Bündnis 90 / Die Grünen) zwecklos, gemäß § 65 I, Satz 3 BHO in die zu stützenden Bankenvorstände einen „preussischen Staatskommissar“ als Aufsichtsorgan zu entsenden. Die Kommissare würden in dem jeweiligen Augiasstall nur untergehen. Die verseuchten Banken und Einrichtungen des Finanzsystems müssen abgewickelt und mit völlig neuem Personal neu strukturiert und von Grund auf neu aufgebaut werden. Jeder Personalchef in der Industrie würde einen Betrieb, der derart korrumpiert ist wie z.B. HRE oder IKB erst einmal dicht machen, alle belasteten Mitarbeiter feuern und dann mit neuen Leuten neu anfangen.

Abgesehen davon, dass es schwer werden dürfte, in einer verwestlichten Coca Cola Cultur, die über mehrere Generationen die Menschen zur Verschwendung, zum Konsum und zur Genusssucht erzogen hat, den Herkules zu finden, der die charakterliche Eignung, die Kraft, die Durchsetzungsfähigkeit und das fachliche Wissen hat, dem zur Gewohnheit gewordenen Schuldenschlendrian, der sich höchst raffiniert zunächst in den rechtlichen Randbereichen des raubtierkapitalistischen Systems eingenistet hat und erst jetzt bis zum Kern vorgedrungen ist, den Garaus zu machen. Dazu müssen ja neben den eigentlichen Finanzinstitutionen jede Menge Steueroasen, Zweckgesellschaften, Nebenhaushalte und Sondervermögen erst mal gefunden werden, bevor sie aufgelöst und in geordnete Strukturen rücküberführt werden können.

In Brüssel, das heißt europaweit, dürften die Finanz-Verhältnisse noch viel verheerender sein als in Berlin, wo man zur Not nach Durchleuchtung und Bereinigung der Wertpapierbestände pp. sowie nach einer personellen und strukturellen Reorganisation der Landesbanken flächendeckend auf das im Kern noch intakt erscheinende öffentlich rechtliche System der Sparkassen, bzw. auf solide Volksbanken / Raiffeisenkassen als Back Up umstellen kann. Auch auf erfahrenes Personal aus den neuen Ländern, das zum Glück vom westlichen Konsumfaschismus noch nicht völlig kontaminiert ist, sollte bei der Reorganisation des deutschen Finanzsystems ohne jedes ideologische Herumzicken beherzt zurückgegriffen werden.

Vielleicht sollte sich Roger Kusch mit seinem Apparat ja vorsorglich in Brüssel bei der EU und in New York beim Wall Street - Kapital schon mal vorstellen.

Der ganze Merkel/Steinbrück-Rettungsplan gehört in den Reißwolf
, weil er den Bock zum Gärtner machen will, weil er nur systemimmanente Tinkturen und Pflästerchen bereithält, die das zu Tode erkrankte Finanzsystem des Raubtierkapitalismus nur etwas länger am Leben halten würde, die Leiden der Bürger durch die rasch wachsende Inflation aber noch beträchtlich verschlimmern würde. Die Krise der Demokratie wird so nicht behoben.


infl
Hyperinflation Berlin 1923, zum Vergrößern 1 x anklicken


Denn die enorme Vergrößerung der umlaufenden Geldmenge bedeutet ja letzten Endes für unsere Kinder und Kindeskinder nur eine Vergrößerung des Schuldenberges, den wir ihnen hinterlassen. Soviel „Männerstolz vor den Königstronen“ der Wall Street erwarten wir von unseren Abgeordneten eigentlich schon, dass sie „gelte es Gut und Blut“ die „Wahrheit gegen Freund und Feind“ zu sagen wagen.

Nicht nur, dass die „Private Seite“ (Kuhn) nicht wirklich in Anspruch genommen wird. Nach dem Verursacherprinzip müssen ja zuerst mal die verantwortungslosen Investmentbanker und ihre Medien-Sphirren, die den Sharholder-Value über Jahre systematisch hochgejubelt haben, in Haft genommen werden. Da hat "Kommissar" Sodann schon die richtigen Ideen. Der Mann sollte Bundespräsident werden!

Die Hochfinanz, die sofort nach Beginn der Finanzkrise auf Tauchstation gegangen ist, muss dringend mit einer Millionärs- / Milliardärssteuer zur Kasse gebeten werden. Hier gilt das Wort Marat`s aus dem April 1792, als die französische Regierung resigniert die Tilgung der Staatsschulden eingestellt hatte:

Der Überfluss der Reichen ist vom Anteil der Armen genommen, er ist also Diebstahl, ein sträflicher Diebstahl in einer Gesellschaft gleicher Menschen.

Oder um es etwas moderner zu sagen: „Als Adam grub und Eva spann, wo war denn da der Ackermann? (der von der Deutschen Bank)“.

An den Zuständen in den USA, wo die Politik von der Wall Street, den großen Ölfirmen und vom Militärisch-Industriellen Komplex regelrecht gekauft wird, können wir von Europa aus ohnehin nichts ändern. Solange dort die Hintermänner der Goldmänner das Sagen haben, wo im Vordergrund auf der Bühne die Bernanke, Paulson, Soros und wie sie alle heißen, herumtanzen und ihre Possen aufführen, werden die Forderungen Lafontaines im Winde verwehen:


- nach einem festen Wechselkursregime,

- nach einer verbindlichen Regulierung der internationalen Kapitalströme,

- nach einem Austrocknen der Steueroasen,

- nach einer öffentlichen Kontrolle der Ratingagenturen.

- nach einem Konjunkturprogramm zur Sicherung der Beschäftigung




Arblos
Entwicklung der Arbeitslosigkeit von 1921 bis 1932/33 in D, rote Linie


Eher wird es Mc Cain und Sarah Palin gelingen, Schneebälle zu rösten, als dass die US-Finanzbetrüger und Raffgierigen ihren Charakter und ihr Verhalten ändern. Die Herrschenden haben die US-Arbeiterklasse und Europa über den im Vergleich zur Dritten Welt relativ höheren Lebensstandard, wie schäbig auch immer, am Erfolg ihrer Operationen und Raubkriege beteiligt. Lyndon B. Johnson hat Anfang 1967 das US-Motto vor amerikanischen Soldaten im Camp Stanley in Südkorea öffentlich gemacht:


Vergeßt das eine nicht; wir sind ganze zweihundert Millionen (US-Bürger). Fast drei Milliarden stehen uns gegenüber. Sie wollen das haben, was wir haben. Aber sie werden es nicht kriegen – nicht von uns!

(zit.: The New York Review, 23.02.1967)


Erst wenn China waffentechnologisch mit den USA gleichgezogen und Rußland sich erholt hat, wird das böse Spiel der US-Raubritter beendet werden. Um sich auf den Clash vorzubereiten, stehen Nato-Truppen heute schon in Afghanistan und sollen nach Aussage von SPD-Abgeordneten dort noch 10 bis 15 Jahre bleiben. So lange dauert die militärische Aufholjagd Chinas und Rußlands wohl noch.

In Deutschland und Europa werden die jetzigen Machthaber alles tun, um möglichst lange noch möglichst ungeschoren in den Ruinen des vor langer Zeit untergegangenen Bretton Woods - Systems davonzukommen. Deshalb ist es müßig, der Mehrheit des Bundestages ein Mitverschulden an der Finanzmarktkrise vorzuwerfen. Wir werden von einer Großen Koalition regiert, deren Führungsoffiziere am Angelhaken der Wall-Street-Betrüger hängen. Die einfachen Abgeordneten sind nur Stimmvieh und werden zur nächsten BT-Wahl nicht mehr aufgestellt, wenn sie nicht mitmachen, wenn sie sich weigern, so abzustimmen, wie es ihnen die Fraktionsvorsitzenden Struck und Kauder befehlen. Es muss erst noch viel schlimmer kommen, bevor es wieder besser werden kann.

Alles was die Linke jetzt tun kann, ist klare Position zu beziehen. Es bleibt nur abzuwarten, bis die noch schleichende, bald trabende und ab Anfang 2009 galoppierende Inflation die Rentner, Lohnempfänger, Hartz IV – Empfänger und den Mittelstand sozial deklassiert hat.

Erst in den Bundestagswahlen im September 2009 kann der Wille der großen Mehrheit der deutschen Bevölkerung durchschlagend zur Geltung gebracht werden. Der Konsumfaschismus Hollywoodscher Prägung, die unselige Verschwendung und Schuldenmacherei nach US-amerikanischem Vorbild ist mit demokratischen Mitteln vorher nicht zu stoppen, so katastrophal das im einzelnen für die Betroffenen auch sein wird.
rhbl (Gast) - 18. Okt, 11:05

Inflation, Deflation oder Stagflation

Es werden in der Fachpresse auch Stimmen laut, die eine Deflation oder Stagflation für möglich halten. Wie dem auch sei, jetzt kommen harte Zeiten.

scusi!

Die Welt ist eine Bühne, auf der ein jeder seine Possen agieret und hin und her tanzet, bis dass ihn unser aller Herr und Meister hinwegberufet. (G.Chr. Lichtenberg)

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