Samstag, 4. Juli 2009

Afghanistan: Durst ist schlimmer als Heimweh

rhbl

Nach Clausewitz („Vom Kriege“) gibt es beim Kriegführen drei Hauptzwecke:

1. die feindliche bewaffnete Macht zu besiegen und aufzureiben,
2. sich in den Besitz der toten Streitkräfte und der anderen Quellen der feindlichen Armee zu setzen und
3. die öffentliche Meinung zu gewinnen.


Nach diesen Maßstäben ist der Afghanistankrieg der NATO/Bundeswehr verloren. Verteidigungsminister Jung versucht deshalb verzweifelt, den Begriff „Krieg“ in der öffentlichen Diskussion zu vermeiden und durch Formulierungen wie „bewaffneter Einsatz“ zu ersetzen (Spiegel-Video). Das ganze Schönreden hilft aber nicht weiter, wenn jeden Monat Särge mit unseren frisch gefallenen Jungs aus dem Kriegsgebiet zurückkommen (siehe Scusi vom 21.10.08, "US-Afghanistankrieg, sinnlos, absurd und verloren...") . Das einzige was der Bundeswehr jetzt noch bleibt ist ein geordneter Rückzug.

Clausewitz rät: „…wenn der unbeugsame Wille eines angeborenen Starrsinns [Angela Merkel], wenn das krampf[hennen]hafte Widerstreben …nicht vom Schlachtfelde weichen wollen, wo sie ihre Ehre zurücklassen sollen, so rät auf der anderen die Einsicht, nicht alles auszugeben, nicht das Letzte aufs Spiel zu setzen, sondern soviel übrig zu behalten, als zu einem ordnungsvollen Rückzug nötig ist. …In der berühmtesten aller Schlachten, in der von Belle-Alliance, setzte Bonaparte seine letzten Kräfte daran, die Schlacht zu wenden, die nicht mehr zu wenden war, er gab den letzten Heller aus und floh dann wie ein Bettler vom Schlachtfeld und aus dem Reiche.“

Die USA und ihre Vasallen haben aus der Niederlage gegen die asymmetrisch kämpfenden Vietcong nichts gelernt. Wahrscheinlich wird der "Westen" wieder nichts lernen bei dem stümperhaften US-Versuch, den "asymmetrischen" Widerstand des zentralasiatischen Islam gegen Globalisierung, Überfremdung und Mc Donaldisierung seiner Kultur und Religion mit Drohnen und Luft-Boden-Raketen zu erledigen. Er wird keine Zeit mehr haben die Sache gegen die Taliban zu Ende zu bringen, denn der Aufstand, der am Ende der Finanzkrise kommt, wird entgegen allen geschönten Arbeitslosenstatistiken und Sonntagsumfragen in den westlichen Kernlanden selbst, in den Slums und verarmten Trabantensiedlungen seiner Großstädte ausbrechen. Das faul, hohl, morsch und müde gewordene Empire wird dem nichts mehr entgegenzusetzen haben.

Die Diskussion über mögliche Rätesysteme, Nachfolgemodelle für den Kapitalismus ist in Frankreich, Italien und Griechenland (Giorgio Agamben, Slavoj Zizek) schon wesentlich weiter als in Deutschland. (Leseempfehlung für frankophile Linke: L’Insurrection qui vient , publié en 2007 par le « comité invisible », inlassablement présenté par la police et les médias comme le bréviaire des « jeunes de Tarnac » est un texte gorgé de lectures bien orientées ; certaines sentences définitives semblent directement empruntées à Minima Moralia, d’autres démarquent Debord, Badiou et plus d’un autre de nos bons auteurs.”)


Mazar
Die A76, Hauptverbindungsstraße zwischen Mazar-I-Sharif und Herat auf der Höhe Qeysar


Zu 1.) Die Bundeswehr führt als Teil der NATO im unwegigen Gebirgsland Afghanistan de facto einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die hochmotivierten Widerstandskämpfer der Taliban, überwiegend genügsame Paschtunen, die mit 40 Prozent der Bevölkerung weitaus größte Volksgruppe Afghanistans. Als muslimische Partisanen sind die Taliban kaum von der Zivilbevölkerung zu unterscheiden, in der sie „wie die Fische im Wasser schwimmen“ (Mao).

Zu 2.) In einem Gebirgsland, das merkte schon Clausewitz an, „hängt alles von der Geschicklichkeit der Untergeordneten, der Offiziere, noch mehr aber von dem Geiste der Soldaten ab. Große Manövrierfähigkeit ist hier nicht erforderlich, aber kriegerischer Geist und Herz für die Sache, denn mehr oder weniger ist sich hier jeder selbst überlassen; daher kommt es, dass besonders Nationalbewaffnungen im Gebirgskrieg ihre Rechnung finden, denn sie entbehren das eine, während sie das andere im höchsten Grade besitzen.“

So zeigen sich die ihre Heimat verteidigenden Taliban unbeeindruckt von dem mit massiver Luftunterstützung durchgeführten "Großangriff" der US-/UK-Streitkräfte im Süden Afghanistans. Bei Gegenangriffen von Aufständischen wurden in der Provinz Helmand zwei britische Soldaten getötet. Im Osten des Landes griffen rund 100 Taliban-Kämpfer ein Lager der US-Truppen an und verwickelten sie am Samstag in ein stundenlanges Gefecht. Nach Militärangaben wurden zwei amerikanische Soldaten getötet und sieben weitere verwundet. Die beiden Briten kamen bei der Detonation einer am Straßenrand versteckten Bombe und einem Granatwerferangriff ums Leben.


marines

Fehler in der US-Logistiksoftware und schwache Moral der US-Marines zermürben die amerikanischen Angriffstruppe. Wer sich mit Paketen von Wasserflaschen abschleppt, kommt müde und zerschlagen am Einsatzort an, träumt von einem kühlen Hellen statt von Angriff (Operation Handschar, Fußmarsch mit Minenspürhund, man beachte den links hinten erschöpft stehengebliebenen "Einzelkämpfer mit Riesenrucksack"; Foto: SPON).

Die vor allem mit preiswerten Kalaschnikowgewehren und alten RPG 7 – Panzerfäusten aus der Zeit des sowjetischen Einfalls in Afghanistan bewaffneten, leichtfüßigen Widerstandskämpfer verpflegen sich mit bescheidensten Mitteln aus dem Lande und benötigen für ihre Sprengfallen selten mehr als ein gebrauchtes Handy, etwas Klingeldraht und ein paar alte Artilleriegranaten aus russischen Beständen.


taliban
Taliban mit zwei RGG 7-Panzerfäusten und Kalaschnikow-Gewehr


Ihren Munitionsnachschub beziehen sie aus den an Afghanistan angrenzenden muslimischen Nachbarländern und werden wohl auch von dort nicht nur moralisch sondern auch finanziell unterstützt. Die Partisanen können so noch dreißig Jahre weiterkämpfen, während der Westen infolge der Weltfinanzkrise finanziell am Ende ist und den mit 100 Millionen Dollar pro Tag ausgesprochen teueren Krieg schon aus Kostengründen nicht mehr lange weiterführen kann.


viking

Ausgeklügelte Transportpanzer wie dieser britische Viking werden von den IED-Minen der Taliban wie Papier zerrissen. Ein hoher britischer Kommandeur ist gerade in so einem Blechsarg getötet worden. In England wird in der Presse wenigstens offen über die mangelhafte Ausrüstung der Truppe diskutiert (Foto: Guardian).

Trotz jahrelanger „Wiederaufbaubemühungen“ des Westens in Afghanistan ist das Straßennetz des Landes in einem verheerenden Zustand, von der Wirtschaft und anderen wichtigen Lebensfaktoren gar nicht zu reden. In dem regelmäßig von Dürreperioden geplagten Land ist vor allem die Versorgung der Bevölkerung mit sauberem Trinkwasser nicht sichergestellt. Das war vor vierzig Jahren, vor dem Einmarsch der Sowjets und Amerikaner kein Problem. Nach den Sowjets haben die Amerikaner bei ihrem Einmarsch auch noch die letzten Reste der Infrastruktur des Landes zerbombt und unzählige Einwohner getötet oder verwundet. Zum Wiederaufbau und zum Ersatz des angerichteten Schadens sind deshalb völkerrechtlich Russland und die USA verpflichtet.

Zu 3). Jeder NATO-Angriff muss entgegen allem Propagandagerede in den Westmedien unweigerlich zu hohen Verlusten in der Zivilbevölkerung führen und tut es auch. 2008 sind nach offiziellen Angaben ca. 1500 Zivilisten getötet worden. Die tatsächliche Zahl dürfte wesentlich höher liegen (siehe: "Gates entschuldigt sich für [hohe] Verluste unter der afghanischen Zivilbevölkerung", NYT).

Nach anfänglichem Mitleid mit den 09/11 Opfern in New York hat sich das Meinungsklima weltweit gegen die USA als verlogenen Irak-Aggressor und traditionelle Weltsuperschurkenmacht gedreht. Mehr als zwei Drittel aller Europäer lehnen den Krieg der US-geführten NATO in Afghanistan entschieden ab. Die Kritik aus der Bevölkerung hat seit 2003 stetig zugenommen ( siehe z.B., Internetforum der Tagesschau, erster und vorletzter Eintrag vor Sperrung, als Leseprobe im Anhang). Sollte die in Berlin derzeit regierende Mischpoke aus CDU und SPD in ihrer Rolle als Lakai der USA dem Druck der deutschen Bevölkerung nicht nachgeben und keinen geordneten Rückzug der Bundeswehr aus Afghanistan einleiten, wird sie im September bei der Bundestagswahl abgewählt.

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Anhang:

Zwei Leserbeiträge aus dem Forum der Tagesschau (2007). Bis heute hat sich die grundlegende Ablehnung des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan in Deutschland kontinuierlich weiter verfestigt.


"Was haben wir in Afghanistan eigentlich verloren?


Mal vom Gedröhne nach der Suche von sogenannten Terroristen abgesehen, scheint mir noch immer Aufklärungsbedarf vonnöten zu sein, was die USA eigentlich in Afghanistan verloren haben und beim Suchen nach dem Verlorenen die willige Hilfe all ihrer Vasallen einfordern und auch erhalten.

Geht es in Afghanistan darum die Frauen von den Burkas zu befreien, oder gar die Anbauflächen für Opium zu reduzieren? Oder vielleicht, nicht zuletzt, die "Demokratie" zu exportieren?

Die "Effektivität" der "freien" Marktwirtschaft wird bei der Opium-Produktion sichtbar, denn die stieg im vergangenen Jahr um sagenhafte 49 Prozent auf 6.700 Tonnen. Also ein Teilerfolg der freien Marktwirtschaft unter den Augen der NATO. Diese Menge reicht aus um etwa 670 Tonnen Heroin herzustellen. Und wie wir wissen kommt 90% des Heroins aus Afghanistan und wird eifrig hier im Westen konsumiert.

Der höchst offizielle Anlass des Afghanistan Einsatzes, ist der vielbeschworenen Kampf gegen den "Terrorismus", was immer das ist, auch unter dem Namen "Enduring Freedom" bekannt. Dann gibt es noch ein ISAF-Mandat mit dem soll im Auftrag der Vereinten Nationen u.a. die afghanische Regierung bei der Wahrung der Menschenrechte sowie bei der Herstellung und Wahrung der inneren Sicherheit unterstützt werden. Kein Ziel wurde bislang erreicht, außer die wirtschaftliche Effektivität beim Anbau von Opium zu erhöhen.

Wer blickt da noch durch um was es eigentlich geht? Da kann man auch alte Strategien als neue verkaufen.

26.01.2007, 22:51 mowitz"


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"Sehr geehrter Herr Tacfarinas,

wenn sich eine gigantische Riesenmacht, die nicht fragt, sondern schießt, auf den vermeintlichen Unwillen derer beruft, auf die sie schießt, dann ist das nichts anderes als eine mehr als peinliche Ausrede eines vorgeblich Omnipotenten, der in Wahrheit zu nichts fähig ist. Wer zu nichts fähig ist, der sollte seine Sachen packen, aber nicht versuchen, von seiner Unfähigkeit durch wahllose Schuldzuweisungen abzulenken.

Aber, das hat ja besagter US-amerikanischer Militär bestätigt, es ist auf Seiten der US-Amerikaner nicht nur Unfähigkeit, es ist auch Unwillen, denn Frieden und Sicherheit wollten und wollen diese nach Afghanistan nicht bringen, was sie dort suchen, das ist nur und ausschließlich Rache, und diese bis ins dritte und vierte Glied. Aber damit baut man keine stabile Welt, sondern so schafft man Chaos.

Mit freundlichen Grüßen
Falke"
Helga Müller (Gast) - 5. Jul, 17:35

blind und arrogant ist unser System

Ein engagierter Aufsatz, danke, ich leite ihn auch gerne weiter.
Unbegreiflich für mich ist daß der Westen immer wieder sich anders verhält als wie er es von den anderen ( nicht dem Westen anhängenden)als Demokratieelemente einfordert.
Unbegreiflich, daß er seine ehemals angebliche Vorbildwirkung weder versteht noch vorlebt.
Unbegreiflich, daß Deutschland sich in diese Wildwestmanier hat einbinden lassen und die meisten unserer Politiker die Misere als solche nicht erkennen geschweige denn benennen können.
Unbegreiflich daß man diese Tendenz nicht als genauso fanatisch ( in meinen Augen) in der Öffentlichkeit wahrnehmen will, wie sonst andere fundamentalistischen Tendenzen in anderen Teilen der Welt.
Was hat die Kultur des Westen noch zu bieten wenn es nicht Rechtsstaatlichkeit, Reflektionsvermögen, Redlichkeit, Respekt vor anderen, Friedensliebe und Lernfähigkeit sind???????????????
Überleben können die Menschen außerhalb des Westen in der Regel viel leichter als wir das unter diesen Umständen könnten.
GOTT sei Dank- das sollen sie auch .

scusi!

Die Welt ist eine Bühne, auf der ein jeder seine Possen agieret und hin und her tanzet, bis dass ihn unser aller Herr und Meister hinwegberufet. (G.Chr. Lichtenberg)

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